Eine offene Rechnung

blaue flecke statt aristokratisches gehabe
3 häufchen von 5

~einen vor jahrzehnten missglückten auftrag soll helen mirren - sie spielt eine gealterte mossad-agentin - zu ende bringen, "eine offene rechnung" – so der titel des thrillers – endlich begleichen und den "chirurgen von birkenau", eine art mischung aus eichmann und mengele, doch noch ausschalten. eine geschichte, die in ost-berlin mitte der sechziger jahre ihren ausgang nimmt, und die der regisseur daher zu gerne auch hier gedreht hätte. allein mirren trägt über die schwächen des films hinweg.

berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war, gerade im ostteil der stadt nicht, wie regisseur madden bei eine stadtbesichtigung schnell einsehen musste.
und so drehte er die szenen in einer ost-berliner mietswohnung, wohin das mossad-team den nazi-arzt verschleppt hat, eben in einem londoner studio und die außenaufnahmen samt neu aufgebauter mauer in budapest. als ost-berliner bahnhof, über den der arzt richtung israel transportiert werden soll, diente dagegen eine station in der nähe der ungarischen hauptstadt. im film heißt sie wollankstraße, den s-bahnhof gibt es wirklich, er lag auf früherem ost-berliner gebiet, aber westlich der mauer – für eine entführung, wie sie im film versucht wird, völlig ungeeignet: dort ist die station wollankstraße ein schwer bewachter geisterbahnhof im osten, durch den die züge in den westen rollen.
historische detailtreue war also offensichtlich nicht ganz so wichtig - schlimm für alle anwesenden kinogäste, die ahnung von geschichte haben...

auch die vorlage des films, eine israelische low-budget-produktion von 2007, die ebenfalls in ost-berlin spielte, hat er nicht sehr intensiv studiert, wollte anscheinend mehr die psychologischen aspekte der geschichte betonen, die folgen der lebenslüge der (erst von der neuentdeckung jessica chastain, dann von helen mirren gespielten) agentin und ihrer beiden mossad-kameraden: denn die tötung des nazis-arztes ist ja missglückt, wird von dem tödlichen trio nur behauptet, gehört nun zu den siegermythen des staates israel, in dem die vermeintlichen helden herumgereicht werden.
diese vielschichtigkeit war vielleicht auch das, was für helen mirren die geschichte spannend machte. lief sie mit solch einem agentenstoff doch auch keine Gefahr, in die "queen"-rolle zurückgepresst zu werden. denn so schön der oscar war und so dankbar sie dafür ist, will sie dennoch nicht in aristokratische bahnen gepresst werden... dann schon lieber ein paar blaue flecken.
der finale, nicht ganz freiwillige kampfeinsatz der 66-jährigen schauspielerin ist nicht die einzige überraschung in dem agentenfilm. so muss es irritieren, dass das allein schon bei seinem nahkampftraining sehr lautstarke trio in dem offenbar nur von tauben ost-berlinern bewohnten mietshaus nicht weiter auffällt. doch trotz solcher kleinen ungereimtheiten und dem freien umgang mit dem ost-berliner stadtplan ist doch ein spannender, psychologisch überzeugender thriller voller überraschender wendungen entstanden, der aber fast ausschließlich wegen der präzisen schauspielerischen leistung helen mirrens überzeugt. und nicht zuletzt erfährt der staunende zuschauer, was in einem alten barkas wirklich drinsteckt. gefahren von einem flüchtenden mossad-agenten, wird der nicht gerade übermotorisierte kleintransporter aus DDR-produktion zur rakete.

Filmstart: 15. September 2011
Mit: Hellen Mirren, Jessica Chastain, Lars Eidinger u.a.
FSK: ab 16
Laufzeit: 102 Min.
Produktionsland: England/Deutschland/USA
Produktionsjahr: 2011
Verleiher: Paramount
  Quelle: imdb.com