Die letzte Sure

die narrenschule
13.08.2011

~ der dienstantritt des studien-assessors kranich hätte kaum schlechter verlaufen können. da hat er es doch versäumt, eine wohnung an seinem dienstort zu beziehen. der direktor höllinger ist empört. alle seine lehrer wohnten schließlich in göppingen, kranich dürfe da keine ausnahme machen. schließlich lege der neue kollege ja wert darauf, eine gute beurteilung zu bekommen. und diese schreibe er, direktor höllinger.

 

was klingt, als entstamme es einem bislang verschollenen kafka-fragment über die schulbürokratie in schwaben, ist erst vor ein paar jahren verfasst worden.
im ERG – das G steht wohl für gymnasium, die bedeutung der anderen beiden buchstaben bleibt dem leser verborgen – regiert der wahnwitz, vor allem in gestalt des schulleiters höllinger. überall hat er seine spitzel, nichts bleibt ihm verborgen. notfalls ist es der eigene sohn, schüler der zehnten klasse, der dem vater hinterbringt, welch katastrophale vorstellung kranich in seiner ersten englischstunde gegeben hat.
aber höllinger ist nicht die einzige horrorfigur an dieser anstalt. schon bald lernt kranich die anderen mitglieder des kollegiums von ihrer bizarren seite kennen. da ist zum beispiel oberstudienrat krämer. bei jeder begegnung gibt er, wie eine geheimparole, die zeitspanne bis zu den nächsten ferien bekannt. oder der stellvertretende schulleiter bassel, verantwortlich für den vertretungsplan, dem es erst an einem tag seiner laufbahn vergönnt war, keinen unterrichtsausfall vermelden zu müssen. nicht zu vergessen die geschichtslehrerin kniemann, die jede gelegenheit nutzt, ihre bis ins absurde detail gehenden historischen kenntnisse auszubreiten, wohl um damit ihre verzweiflung über das unwissen der schüler zu kompensieren. selbst die aus drei lehrern bestehende schulinterne opposition stellt sich als ein trio verbalradikaler traumtänzer heraus, die sich im selbstmitleid suhlen und von den möglichkeiten authentischer kreativität auf bali schwadronieren. das ERG, so möchte man zusammenfassen, ist die höhere bildungsanstalt als narrenhaus. aber wo sind diejenigen, für die das ganze spektakel veranstaltet wird? wo sind die schüler? in orths roman spielen sie nur eine nebenrolle.
sie sind die objekte, die es gilt, mit gezielter fragetechnik "so in die enge zu treiben, dass schließlich nur noch die einzig richtige antwort übrig bleibe, die lösung". leicht werden sie auch zu feinden des lehrers. sind sie nämlich schlecht, verzweifelt er an ihrem desinteresse und ihrer ignoranz. sind sie aber gut, dann hat er doppelt auf der hut zu sein, da sie minutiös jeden fehler des lehrers mitprotokollieren, um ihn anschließend an interessierte kreise weiterzugeben. studienassessor kranich muss dies schmerzhaft in jener 10d erfahren, in der der bereits erwähnte sohn direktor höllingers sitzt. und dieser hat "schon zwei von uns auf dem gewissen", wie ein wohlmeinender kollege dem neuling am kopierer zuflüstert.

lehrprobe im ehebett ~ "lehrerzimmer" ist eine satire auf die absurdität eines schulbetriebs, der zu einem bürokratischen perpetuum mobile geworden ist. pädagogik und didaktik gelten hier als synonyme für die zwangsmittel, mithilfe derer die schulaufsicht aus dem ruder laufende lehrer diszipliniert. doch noch bedrohlicher als die vollkommen willkürlich eingesetzte erziehungswissenschaftliche phraseologie erscheint den lehrkräften die gefahr des juristisch fundierten einspruchs gegen ihre bewertungen. denn von bewertung und beurteilung lebt das ganze system. also muss sogar die ständig eingeforderte kreativität der schüler "klar abgesteckten kreativitätsbewertungskriterien" unterworfen werden, zu deren formulierung eine "kreativitätsbewertungskriterienerstellungkommission, kurz KBEKY" gegründet wird.
natürlich übertreibt orths maßlos. wahrscheinlich hat niemals ein englischreferendar einer siebten klasse das wortfeld "gewalt" mittels praktischer demonstrationen vermittelt, und einen medienwart, der jede erotische begegnung mit seiner ehefrau streng den phasen einer erfolgreichen unterrichtsstunde unterwirft, wird man wohl auch vergebens an einer wirklichen schule suchen. aber dennoch lässt einen bei der lektüre dieses an wortwitz und slapstick überreichen romans das gefühl nicht los, dass die satirischen überzeichnungen des autors oft gar nicht so realitätsfremd sind, im gegenteil. nicht wenige (referendare) dürften die lektüre von "lehrerzimmer" gerade wegen des wiedererkennungseffekts als besonders vergnüglich empfinden...