Zoë Ferraris: Die letzte Sure

mord im schatten der scharia
12.08.2011
~ nouf as-shrawi, eine junge frau aus der oberschicht von dschidda, wird in den endlosen weiten der saudischen sandwüste tot aufgefunden. ihr bruder othman bittet seinen freund, den wüstenführer nayir, auf eigene faust nachforschungen über noufs schicksal anzustellen. zusammen mit othmans verlobter katya, die in der gerichtsmedizin von dschidda als laborantin arbeitet, sucht nayir stadt und wüste nach hinweisen ab und stößt bald auf verblüffende und verstörende fakten.
tatsächlich kann die von der religiösen sittenpolizei überwachte trennung beider welten - hier die der männer, dort die der frauen - mitunter auch für den männlichen teil der saudischen bevölkerung zum problem werden. das ist die überraschende erkenntnis, die der leser aus der lektüre mitnimmt. nayir zum beispiel hat als palästinensische vollweise ohne familiären hintergrund nahezu keinerlei gelegenheit, frauen kennenzulernen. die gesellschaftlichen normen sind streng; wer auf der straße in weiblicher begleitung ohne heiratsurkunde angetroffen wird, riskiert die todesstrafe! aber nicht nur die sitten und normen stehen nayir im weg, sondern auch seine eigenen überzeugungen als strenggläubiger moslem. eine aus seiner sicht geschilderte szene macht das ganz deutlich. als er im laufe der nachforschungen katya zum ersten mal in der pathologie begegnet, stören ihn ihr unbefangener blick und die tatsache, dass sie ihn direkt anspricht. vor lauter angst, bei unziemlichen blicken ertappt zu werden, traut er sich schließlich überhaupt nicht mehr, in ihre richtung zu schauen. wohlgemerkt: er befindet sich an ihrem arbeitsplatz, sie ist die expertin und obendrein noch vollständig verschleiert. trotzdem hat eine frau in der öffentlichkeit unsichtbar zu sein.
"es war die schlimmste zeit des tages, mittag, grell, schwül und stickig, das land versengt von einer sonne, die den himmel vollständig einzunehmen schien. eine dampfende, kaum einzuatmende luft ergoss sich über alles, kräuselte sich vor hitze, erzeugte schmerzhafte lichtbrechungen und verursachte trugbilder, die ein ganzes heer in die irre führen könnten, in den allerheißesten bezirk der hölle."
auch die besondere lebenssituation in saudi-arabien wird in den blick genommen. seit den 30er jahren bescheren riesige ölvorkommen dem land unglaublichen reichtum, gleichzeitig ist die gesellschaftsordnung fast noch archaisch zu nennen. diese spannung zwischen westlicher lebensart und tradition treibt mitunter skurrile blüten.
bleibt bei so großer themenvielfalt nicht der eigentliche fall ein wenig auf der strecke? zwischenzeitlich vielleicht, ja, aber spätestens wenn sich herausstellt, dass nouf schwanger war und mitten in der wüste ertrunken ist, fiebert man wieder der wirklich überraschenden auflösung entgegen ~ wie bei einem ganz normalen krimi eben.
