W.G. Sebald: Die Ausgewanderten

die verstreute seele deutschlands
07.08.2011
~ in diesen vier langen erzählungen steht deutschland für die vergangenheit und den schmerz der erinnerung. der erzähler, selbst nach england ausgewandert, rekonstruiert das leben von vier männern, die dasselbe schicksal teilen. die erzwungene emigration aus der deutschen heimat. alle haben ein langes leben im exil geführt, in england, frankreich oder in der schweiz. doch die wunden der vertreibung sind nie geheilt und holen sie am lebensende wieder ein.
wie viel von diesen lebensläufen fiktiv ist und wie viel sebald aus der realität übernommen hat, bleibt ungewiss. vielleicht haben diese vier männer wirklich existiert, vielleicht hat der autor sie tatsächlich gekannt. möglicherweise hat er nur von ihnen gehört, und einen erzähler erfunden, der sie alle vier gekannt haben könnte. die figuren der exilanten wirken ebenso glaubwürdig wie auch ihre lebensgeschichten: der deutsche jude dr. henry selwyn, vermieter des erzählers in manchester, paul bereyter, homosexueller grundschullehrer aus einem dorf in bayern, sein onkel ambros adelwarth und max ferber, in deutschland geborener künstler, den der erzähler in manchester kennenlernt. sie alle werden von der vergangenheit gequält, zwei von ihnen nehmen sich das leben, einer stirbt in einer psychiatrischen einrichtung.
"ich glaube die graue dame versteht nur ihre muttersprache, das deutsche, das ich seit 1939, seit dem abschied von den eltern auf dem münchner flughafen oberwiesenfeld, nicht ein einziges mal mehr gesprochen habe und von dem nur ein nachhall, ein dumpfes, unverständliches murmeln und raunen noch da ist in mir."
das besondere am stil sebalds ist die heterogene art seines textes. er rekonstruiert die lebensläufe der ausgewanderten anhand verschiedenster quellen. neben der stimme des erzählers sprechen die vier männer selbst über ihre vergangenheit, jeder in seinem eigenen stil! seinen text mischt sebald dabei immer wieder mit englischen und französischen wörtern. von dem dokumentarischen charakter des werkes zeugen auch die schwarzweißbilder, die immer wieder in den text eingestreut sind. betont wird diese genremischung durch detaillierte beschreibungen der schauplätze und der historischen hintergründe.
in starkem kontrast dazu steht der extrem literarische schreibstil sebald, den man als "poetische prosa" beschreiben könnte. in "die ausgewanderten" entsteht dabei ein melancholisches bild vom vorkriegsdeutschland, welches in einer raffinierten reflexion über die deutsche vergangenheit und die mysteriöse wirkung des gedächtnisses endet.
