Charlotte Roche: Schoßgebete

alles für die kinder...
25.10.2011
~ eigentlich lautet die gesellschaftliche diagnose der gegenwart: keiner hält es mehr lange mit einem anderen aus, kaum wird es anstrengend, kehrt man sich den rücken. liest man den neuen roman von charlotte roche, dann begreift man, dass das allenfalls die halbe wahrheit ist. schoßgebete ist ein furios übersteuerter hilfeschrei nach verwurzelung, geborgenheit, verlässlichkeit und treue...
der roman ist zugleich eine hellsichtige analyse aller kräfte, die am modernen individuum zerren. das leben, so wie es charlotte roche uns erzählt, ist traumatisierung und ablenkung, amüsement und sehnsucht, hysterie und neugier, schuldgefühl und übersprungshandlung. der jokerspruch aller swingerclubs, »alles kann, nichts muss«, taugt eben nicht zur maxime, wie das echte leben zu führen sei. charlotte roche macht ihre ganz eigene rechnung zwischen freiheit und sicherheit auf. und heraus kommt eine fast schon pathetische suchbewegung nach verbindlichkeit, ohne aber spießig zu sein. in der mitte des romans sagt die ich-erzählerin elizabeth kiehl: »alles steht im zeichen für das immer-mit-meinem-mann-zusammen-bleiben-können.«
"wie immer vor dem sex haben wir beide heizdecken im bett eine halbe stunde vorher angemacht. mein mann hat ganz hochwertige heizdecken gekauft, die reichen auf beiden seiten vom scheitel bis zur sohle. für mich muss man da etwas mehr investieren. ich habe wahnsinnige angst, dass so ein ding anfängt zu glühen und ich nach dem einschlafen bei lebendigem leibe verbrenne oder am rauch ersticke."
dieses buch der treue ist – überraschung, überraschung! – nicht prüde. es ist, wie roches debütroman feuchtgebiete, sehr "explizit"... aber erst in diesem roman, der zehntausendmal delikater, feinsinniger und existenzieller als feuchtgebiete ist, gelingt die paradoxe balance aus radikalem exhibitionismus und äußerster schamhaftigkeit. jedes fenster, das roche den voyeuren öffnet, ist der versuch, eine melancholischere form von scham zu erreichen. das sieht auf den ersten blick natürlich anders aus. denn auch in diesem buch geht es zur sache. namentlich die rossini-haft verspielte ouvertüre zieht alle register, auf die roche-leser nicht verzichten wollen: über 25 seiten wird detailliert beschrieben, was elizabeth und georg für tricks anwenden, damit es auch nach sieben jahren zusammensein nicht langweilig wird im bett - eben beschriebene heizdecken sind harmlos. an diesen stellen hat das buch den charakter einer gebrauchsanweisung...
welche geschichte erzählen die schoßgebete? elizabeth kiehl, 33 jahre alt, lebt seit sieben jahren mit georg zusammen. beide haben ein kind aus einer früheren beziehung. in der ehe-sex-ouvertüre haben wir elizabeth als ziemlich lässige, unverkrampfte bett-akrobatin kennen gelernt. aber dieser eindruck täuscht. hier ist nichts locker. hinter elizabeth liegt eine schlimme familientragödie. sie hat ihre drei halbgeschwister bei einem verkehrsunfall verloren, als diese auf dem weg zu ihrer hochzeit waren. seither besteht ihr leben nur noch aus schuldgefühlen, ängsten und zwangsneurosen.
drei mittel hat elizabeth dagegen: ihre therapeutin, frau drescher. den rigid-radikalen versuch, selber eine bilderbuchfamilie gegen alle gefahren der welt hinzubiegen. und sex als ein mittel der angstberuhigung.
wie die familientragödie und die sexfixierung zusammengeführt werden, wirkt manchmal etwas holzschnittartig, aber nie unplausibel. wenn es mit dem sex vorbei ist, davon ist die protagonistin überzeugt, geht es mit der ehe den bach runter. weil es aber elizabeths höchstes ziel ist, auf dem schwankenden grund dieser welt wenigstens ihrer tochter ein stabiles zuhause zu geben, muss alles getan werden, damit das sexleben mit georg – einem übrigens grundsympathischen, sehr virilen zeitgenossen, der mit bewunderungswürdigem verständnis auf die psychosen seiner frau eingeht – nicht einschläft. zu diesem vitalisierungsprogramm gehören gemeinsame puffbesuche, zu denen sich elizabeth für ihren mann, der ihr so viel gegeben hat, immer wieder aufrafft.
schoßgebete ist ein gruselkabinett an verkorkstheiten. der unfall, bei dem elizabeths mutter das auto gesteuert, aber, selber schwer verletzt, überlebt hatte, führt die restfamilie nicht etwa zusammen, sondern reißt sie in aggressiver weise auseinander (obwohl die mutter an dem unfall keine schuld trug). die hippie-mutter, die für fast jedes ihrer kinder einen anderen erzeuger gewählt hatte, wird der tochter immer mehr zum inbegriff all dessen, was nicht geht. selbst der puffbesuch ist für sie eine racheaktion an ihrer mutter (und alice schwarzer!), die ihre tochter immer davor gewarnt hatte, zum sexobjekt der männlichen libido zu werden.
dass einem das hysterische der figur nie auf die nerven geht, liegt an einer sprache, die komisch und anrührend zugleich ist. roche will extreme zusammenbringen: zartheit und schrillheit, scham und wahrheit, wildheit und weichheit. und vor allem: ernst und humor. es ist tatsächlich diese kombination aus witz und dringlichkeit, die einem das buch so lieb macht. wenn elizabeth und georg im puff sind und der dreier läuft, sagt sie, nun sei sie "glücklich mitten in dieser orgie". und fügt hinzu: "darf man bei drei leuten schon orgie sagen?" unschuld und pointe verschlingen sich geschickt: "wenn ich gekommen bin, sehe ich meistens nicht richtig ein, warum das jetzt noch ewigkeiten weitergehen soll."
feuchtgebiete waren vor allem slapstick, eine comedy-nummernshow, die routiniert auf pointe geschrieben war, aber als geschichte durchhing – weshalb auch alle versuche, darin ein modernes manifest des feminismus zu lesen, zwar freundlich gemeint waren, aber "bemüht" wirkten. feuchtgebiete hatte etwas pubertäres, schoßgebete ist ein erwachsenes buch, das der klassischen tragödiendefinition gerecht wird, "furcht und mitleid" zu erregen.
