Umarmung

eine kaputte gesellschaft
25.09.2011

~ ein mitreißender roman im unterschichten-milieu japans. vier arbeiterinnen einer lunchbox-fabrik in einem vorort tokios sind die hauptfiguren der geschichte von natsuo kirino. böse, grausam und gleichzeitig mit viel einfühlungsvermögen zeichnet sie das bild einer kaputten gesellschaft, in der vor allem die frauen die leidtragenden sind. ein mord passiert und eine leiche muss entsorgt werden. es beginnt ein kreis der gewalt.

masako, die hauptfigur des romans, führt ein tristes leben. ihr ehemann, ein gutmütiger, intelligenter mann hat sich innerlich von der welt zurückgezogen. die eheleute haben sich nicht nur voneinander entfremdet, auch ihr pubertierender sohn lebt isoliert von seinen eltern. masako, eine intelligente und willensstarke frau, die zwanzig jahre als bankangestellte gearbeitet hatte, bevor sie brutal aus der bank gemobbt wurde, nimmt aus enttäuschung eine arbeit in der lunchbox-fabrik an.

yayoi, eine kollegin, ist eine hübsche junge frau mit zwei kleinen söhnen und spart eisern, um sich mit ihrem mann eine eigentumswohnung leisten zu können. als sie erfährt, dass ihr mann die gesamten ersparnisse der familie in einem nachtclub verspielt hat und einer prostituierten verfallen ist, tötet sie ihn im affekt. sie erwürgt ihn mit ihrem ledergürtel.
yayoi bittet masako um hilfe, und diese nimmt die "entsorgung" der leiche in die hand. damit wird für die beiden frauen und zwei weitere kolleginnen eine fatale entwicklung in gang gesetzt. durch den mord geraten die frauen in den dunstkreis von verbrechern und betrügern. satake, ein nachtclubbesitzer mit dunkler vergangenheit, wird fälschlicherweise des mordes an kenji bezichtigt und so auf die frauen aufmerksam.

die umarmung des todes erschien im japanischen original unter dem titel OUT. es zeichnet ein düsteres bild der japanischen gesellschaft in den neunziger jahren, als die wirtschaftskrise durch das platzen der spekulationsblase viele japaner in den finanziellen ruin trieb. bubblonia, ein synonym für ein japan des turbo-kapitalismus und der spekulanten, ist kirinos eigentliches thema. sie hat selbst viele jahre unter den schlechten arbeitsbedingungen von frauen gelitten. ausgebrannte angestellte, konsumsucht, isolation und gesellschaftliche zwänge der patriarchalen kleinfamilie, das sind themen von kirino - die bitterböse kritik an einem land, das sich seinen bewohnern als lebensfeindlich und kalt präsentiert.
die mischung aus weiblicher emanzipation durch die beseitigung eines ungeliebten ehemanns und der ungeheuren brutalität, die in kirinos romanen praktiziert wird, ist schockierend und verwirrend zugleich. zwar sind ihre heldinnen ganz normale frauen, doch sie passen in keine gängige schublade. die übersetzung von annelie ortmanns mit nützlichen anmerkungen zu japanischen gegebenheiten ist flüssig und sprachlich sehr gekonnt umgesetzt. wer sich für das heutige japan interessiert, wird kirinos sezierenden blick in die japanische gesellschaft sehr aufregend finden.