Julian Fellowes: Snobs

der kleine feine unterschied...
09.09.2011
~ lady uckfield ist ein snob, ihre welt die exklusive klasse der englischen oberschicht. hier verkehren barone, lords und earls zwanglos und fast familiär miteinander. hier nennt man sich "googie", "tigger", "keks" oder "pinscher", sofern man dazugehört. Und hier gibt man stets sein bestes, so zu tun, als sei man sich der privilegien, über die man seit seiner geburt verfügt, überhaupt nicht bewusst...
england in den neunziger jahren: die klassenschranken der gesellschaft, die noch im neunzehnten jahrhundert unüberwindbar schienen, sind durchlässig geworden. somit hätte edith lavery, tochter aus großbürgerlichem hause und außerordentlich attraktiv, zumindest theoretisch keine schlechten chancen, durch heirat in die welt der lady uckfield aufzusteigen. aber wie so oft im leben sind es die feinheiten, die den unterschied machen. und egal, wie ähnlich sich die umgangsformen der oberen mittelschicht und der oberschicht mittlerweile sein mögen: der kreis der aristokratie ist klein, und seine mitglieder sind eifrig bemüht, dies auch so zu belassen. wer nicht in die welt des alten adels geboren ist, gehört dort, nach meinung der oberschicht, auch nicht hin.
"engländer aller schichten sind süchtig nach exklusivität.
wenn drei engländer in einem raum versammelt sind, erfinden sie eine regel,
die verhindert, dass ein vierter zu ihnen stößt."
für edith lavery wird es somit kein leichter weg zum erfolg. ihr erklärtes ziel ist es, mitglied im exklusiven club der aristokraten zu werden. als mittel zum zweck soll charles broughton dienen, zukünftiger earl und erbe eines prächtigen landsitzes in sussex. ihn gilt es zu überzeugen, dass edith für ihn die perfekte ehefrau und zukünftige lady broughton ist. das unterfangen erweist sich allerdings schnell als äußerst ambitioniert. denn charles ist der sohn lady uckfields, marquioness aus altem adelsgeschlecht, welche die ideale und prinzipien ihres standes vertritt wie keine zweite. aus ihrer sicht macht charles mit der bürgerlichen edith zwar keinen eklatanten gesellschaftlichen missgriff, wie ihn zum beispiel eine schauspielerin oder popsängerin dargestellt hätte; als ihre schwiegertochter und nachfolgerin hätte sie sich dann dennoch eine standesgemäßere kandidatin gewünscht.
bei all dem aufwand, den edith betreibt, um charles' auserwählte zu werden, bemerkt sie den eklatanten unterschied zwischen der glamourösen fantasiewelt, die sie sich selbst zusammengeschneidert hat, und der glanzlosen realität nicht, in die sie einheiratet. fühlt sie sich zuerst noch wie die nächste lady di, wenn sie von fotografen und journalisten verfolgt wird, so gibt es ein nüchternes erwachen auf dem landsitz der schwiegereltern, wo edith und charles nach ihrer hochzeit zusammen leben. schnell begreift edith - an das londoner stadtleben gewöhnt -, dass das landleben bestimmt wird durch den rhythmus der jagdsaison und langweilige ausschuss-sitzungen mit den dorfbewohnern, denen sie als lady broughton beiwohnen muss. selbst das demüte "mylady", mit dem sie ihre bediensteten ansprechen und das sie am anfang in höchste verzückung versetzt, tröstet edith bald nicht mehr über ihren zähen alltag hinweg.
statt des erträumten jet-set-lebens führt edith ein leben im goldenen käfig mit einem mann, den sie nicht liebt. besonders für lady uckfield ist ediths permanente unzufriedenheit nur eine bestätigung dessen, was sie schon vorher wusste: nämlich, dass jemand wie edith für ein leben in "ihrem" stand einfach nicht geboren ist.
mit erhobener augenbraue zeichnet julian fellowes das bild einer gesellschaft, die an den merkmalen einer klasse festhält, die es faktisch nicht mehr gibt. teilweise ironisch und gerne auch mal leicht bissig, verfällt der autor bei jedoch nie in abgedroschene klischees, sondern betrachtet die dinge mit einer erfrischenden portion realitätssinn.
