Long Way down

runter kommen sie alle...
26.08.2011

~ dass silvetser der denkbar schlechteste zeitpunkt ist, um sich in ruhe von einem hochhaus zu stürzen, müssen martin, jess, maureen und jj am eigenen leib erfahren. das dach des hochhauses ihrer wahl im norden londons gleicht zur neujahrsnacht eher einer gut besuchten touristenattraktion - an einen würdevollen abschied von dieser welt ist nicht mehr zu denken. doch was macht man nun mit dem angebrochenen abend?

braucht man gründe, um seinem leben ein ende zu setzen? die vier personen, die am silvesterabend zufällig auf dem dach des topper's house aufeinander treffen, sind der meinung, verdammt gute gründe dafür zu haben. martin zum beispiel ist ein ehemaliger frühstücksfernsehstar. als ob das allein nicht schon schlimm genug wäre, hat er sich beim sex mit einer minderjährigen erwischen lassen und saß dafür im knast. seine berufliche karriere war auch sein verhältnis zur ehefrau und den töchtern sind dadurch mehr als nur angeknackst.
die äußerst religiöse maureen pflegt seit über zwanzig jahren ihren sowohl geistig als auch körperlich behinderten sohn, der zu keinerlei reaktion auf seine umwelt fähig ist. sie hat sich mit der zeit immer mehr vom rest der welt abgeschottet und ist schlichtweg am ende ihrer kräfte angelangt.
jess wiederum ist erst achtzehn, dafür aber höchst neurotisch. anfangs scheint hinter dem todeswunsch nicht mehr zu stecken als der übersteigerte liebeskummer eines teenagers. doch wie sich später herausstellt, trägt sie am verschwinden ihrer schwester schwerer, als ihre aggressive und unflätige ausdrucksweise glauben machen wollen.
der lässige amerikaner jj schließlich steht vor den trümmern seiner band und damit seines lebenswerks. seit ihn auch noch seine freundin verlassen hat, sieht er nur den ausweg in die tiefe. als er allerdings vom schicksal der anderenhört, erfindet er eine tödliche krankheit, um nicht ganz so armselig dazustehen.

diese vier sind sich also an besagtem abend gegenseitig im weg und verhindern dadurch das schlimmste. doch wie soll es nun weitergehen? nach einer nächtlichen irrfahrt verabreden sie sich für den valentinstag - ein ebenso adäquater termin für selbstmordwillige - um dann weiterzusehen. doch ein unerwarteter skandal bringt die ungleiche truppe schneller wieder zusammen, als ihnen lieb ist.

"selbstverständlich kann ich erklären,
warum ich von einem hochhaus springen wollte.
ich bin ja kein vollidiot."

ein ein richtiges zusammengehörigkeitsgefühl will sich jedoch auch in den weiteren wochen nicht einstellen, denn die vier personen könnten unterschiedlicher kaum sein. auf faszinierende weise schildern sie ihre sicht der dinge und repräsentieren auf diese weise verschiedene facetten der britischen gesellschaft. jeder figur gehört dabei eine ganz eigene stimme, die abwechselnd zu wort kommt. jj beispielsweise liebt poesie und musik, bemerkt jedoch desillusioniert, dass er sich seinen job als pizzaauslieferer mit indischen doktoren und professoren teilt. jess dagegen ist sich ihrer eigenen intellektuellen unzulänglichkeiten durchaus bewusst und reagiert auf fremdwörter, wie sie vor allem martin zu benutzen pflegt, gern mit äußerst "bildhaften" schimpfworttiraden, die maureen regelmäßig die schamesröte ins gesicht treiben. martin hingegen weiß um seine position als buhmann der nation, "aber es scheinen ja alle möglichen leute berühmt zu sein, ohne fans zu haben. tony blair ist da ein gutes beispiel."

hornbys roman - der ebenso wie high fidelity und about a boy verfilmt wurde - ist ein böser, aber durchaus treffender und ungeheuer witziger querschnitt durch das, was london an menschlichkeit zu bieten hat: von der politik und dem armseligen ruhm der b-promis über die abgefahrene musikszene bis hin zur verschworenen kirchengemeinde. er lässt die protagonisten selbst von ihren kläglichen versuchen berichten, aus ihren vorgefertigten rollen auszubrechen. ein spiel, das wohl jeder von uns zu spielen versucht - bis am ende doch noch jemand springt.