Manuel Puig: Der Kuss der Spinnenfrau

mikrokosmos gefängniszelle
18.08.2011
~ was tun, wenn man vierundzwanzig stunden am tag in einen raum gesperrt ist? der filmbegeisterte gefängnisinsasse molina verbringt seine zeit damit, sich an seine lieblingsfilme zu erinnern und für seinen zellengenossen nachzuerzählen. im anschluss an diese berichte entspinnen sich unterhaltungen zwischen den beiden inhaftierten, der einen blick auf die argentinische gesellschaft nach 1950 und die filmkultur mitte des zwanzigsten jahrhunderts werfen.
luis alberto molina und valentín arregui teilen sich ein halbes jahr lang eine zelle in einem gefängnis in buenos aires. während molina wegen verführung eines minderjährigen zu einer haftstrafe verurteilt wurde, wartet der revolutionär valentín auf seinen prozess wegen anstiftung zum aufstand. zum zeitvertreib. zum zeitvertreib und zur annäherung erzählt molina seinem zellengenossen filme aus seiner kindheit und jugend. er wählt nicht irgendwelche filme aus, sondern vor allem die mitte des letzten jahrhunderts in argentinien so beleibten b-produktionen aus hollywood, wie zum beispiel horrorfilme und einen längst vergessenen liebesfilm. filme also, die ganz offensichtlich eine längst überholte rollenvorstellung propagieren und damit bei dem revolutionär valentín zwangsläufig auf ablehnung stoßen müssen.
dennoch lässt sich dieser, wenn auch widerwillig, auf molinas geschichten ein. und tatsächlich kommen sich die beiden zellengenossen im laufe dieser gespräche näher. valentín lernt, trotz aller abneigung gegen die politischen aussagen der filme, ihren unterhaltungswert, den molina so liebt, zu schätzen und beginnt gefallen an dieser art der ablenkung zu finden. immer mehr gelingt es ihm, sich in molina hineinzuversetzen und diesen mit all seiner liebe für oberflächlichkeit und seiner abneigung für alles politische zu akzeptieren. auch molina entwickelt ein gespür für den rebellen valentín und richtet sich am ende bei seinen erzählungen nach dessen filmgeschmack. er gesteht ein, dass politisches engagement in einer gesellschaft wie der ihren wichtig ist, und beginnt sogar, sich nach dieser prämisse zu verhalten. zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe freundschaft, und sie finden - vielleicht zum ersten mal in ihrem leben - aufrichtige anteilnahme und verständnis.
blick durch vergitterte fenster auf die welt - zwar nehmen die filmerzählungen eine bedeutende rolle ein, die beiden hauptthemen des romans sind jedoch die instabile und teilweise chaotische politische situation zur zeit der herrschaft von isabel perón von 1974 bis 1976. manuel puig hat mit diesem durchaus regimekritischen werk viel gewagt. aufgrund der darstellung von willkür- und terrorherrschaft wurde der roman in argentinien verboten und führte zum landesverweis des autors.
